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Alle Forschungsarbeiten, bei denen mehr als ein Kind innerhalb der Familie einbezogen wurden, kommen zu demselben Ergebnis: Geschwister unterscheiden sich ganz allgemein deutlich voneinander. Einzelne Personen, die in derselben Familie aufwuchsen, unterscheiden sich sehr stark in ihrer Persönlichkeit, Begabung, emotionalen Stabilität, ihrem Selbstvertrauen und ihren Verhaltensweisen. Es ist überraschend, dass sich Kinder, die in derselben Familie aufwachsen so sehr unterscheiden, die Ähnlichkeiten erscheinen dem gegenüber weniger überraschend. Die Ähnlichkeiten in den Familien sind auf genetische Einflüsse zurückzuführen, nicht auf die familiäre Umgebung. Das heißt: die wenigen Ähnlichkeiten zwischen Geschwistern entstehen durch vererbte Ähnlichkeit, und nicht dadurch, dass die Kinder in derselben Familie aufwachsen. Es wird deutlich, dass bei den meisten Merkmalen Geschwisterunterschiede sehr viel ausgeprägter sind, als Geschwisterähnlichkeiten.

Am ehesten vom Leben innerhalb der Familie werden psychologische Merkmale wie kognitive Fähigkeiten, Persönlichkeit und psychische Erkrankungen beeinflusst.       KORRELATIONSKOEFFIZENT:   Vor mehr als hundert Jahren führte Francis Galton die erste systematische Untersuchung zur Familienähnlichkeit durch, beginnend mit der Körpergröße und anderen körperlichen Merkmalen.   Um das Problem der Beschreibung von Familienähnlichkeiten zu lösen, entwickelte Galton zusammen mit seinem Schüler Karl Pearson die wichtigste statistische Kerngröße der Wissenschaft. Der Korrelationskoeffizient (= ein Indikator der Ähnlichkeit) kennzeichnet Geschwisterunterschiede in ihrem Verhältnis zu Unterschieden zwischen Individuen der Gesamtpopulation.   Beispiel: Bei einer Stichprobe von 1000 Männern fand man heraus, dass sich die Körpergröße erwachsener Brüder im Mittel um etwa 3,8 cm unterscheidet. Obwohl die körperlichen Unterschiede zwischen Geschwistern sehr groß sind, müssen wir sie, um ihr Ausmaß richtig interpretieren zu können, mit den Unterschieden in der restlichen Bevölkerung vergleichen.

Das heißt, wir müssen wissen, wie sich die mittlere Größendifferenz von 3,8 cm bei Geschwistern zur Größendifferenz bei Individuen verhält, die zufällig aus der Bevölkerung ausgewählt wurden. Wenn die mittlere Differenz in der Bevölkerung ebenfalls 3,8 cm beträgt, dann liegt bei Geschwistern hinsichtlich der Körpergröße keine Ähnlichkeit vor. Diese mittlere Größe für Personen gleichen Geschlechts liegt bei 5,7 cm. Obwohl sich also Geschwisterpaare in ihrer Größe unterscheiden, sind sie sich doch immer noch ähnlicher als Paare nicht miteinander verwandter Personen.   Korrelationskoeffizient 0 ..

..... es gibt keine Ähnlichleiten zwischen Geschwistern; d.

h: Geschwisterpaare sind genauso unterschiedlich wie zufällig ausgewählte Personen   1 ..... Geschwister sind hinsichtlich der jeweiligen Kenngröße identisch   0,5 .

.. Geschwister ähneln sich (verglichen mit anderen) zu etwa 50%   Geschwisterkorrelationen überschreiten nur selten den Wert von 0,5 (ist zum Beispiel Wert für Gewicht und Größe).   Schwieriger ist es bei qualitativen Merkmalen wie Krankheiten (die entweder auftreten oder nicht). Man muss in diesem Fall die Übereinstimmung der Geschwister mit der Auftretungshäufigkeit der Gesamtbevölkerung kombinieren. Hierfür wird ein spezieller Korrelationskoeffizient (Phi - Koeffizient) herangezogen.

        PSYCHOLOGISCHE MERKMALE:   Die moderne Verhaltensforschung konzentriert sich auf geistige Fähigkeiten, Persönlichkeitsmerkmale, und psychische Krankheiten. So wurden bei mehr als 25 000 Geschwisterpaaren Intelligenztests durchgeführt. Die Geschwisterkorrelation für den IQ entspricht ungefähr 0,47. Das heißt Geschwister unterscheiden sich in ihrer Intelligenz eher, als dass sie sich ähneln. Jedoch muss man bedenken, dass die meisten dieser Geschwister als Kinder getestet wurden und sich Erwachsene beim IQ immer stärker unterscheiden als Kinder. Auch bei Wortschatztests und Wortflüssigkeitstests zeigen sich erhebliche Unterschiede.


Da sich Geschwister in ihren geistigen Fähigkeiten deutlich unterscheiden, könnte man annehmen, dies verhalte sich auch beim Schulerfolg so. Doch da für den Schulerfolg neben geistigen Fähigkeiten auch andere Dinge entscheidend sind, haben wir hier eine Korrelation von 0,5.   Auch bei Leistungsschwächen und Behinderungen, finden wir eher geringe Korrelationen vor, was ein Hinweis darauf ist, dass Kinder in derselben Familie von diesen Störungen unterschiedlich betroffen sind.   Betrachten wir die beiden Persönlichkeitsfaktoren Extraversion (Geselligkeit, Impulsivität, Lebhaftigkeit) und Neurotizismus (Launenhaftigkeit, Ängstlichkeit, Unsicherheit), so erhalten wir für erstes 0,25 und für letzteres 0,07. Die Geschwisterkorrelationen sind bei allen Persönlichkeitseigenschaften sehr gering. Die wenigen Ausnahmen reichen nicht höher als 0,4 und betreffen Eigenschaften, die im Grunde als Einstellungen zu bezeichnen sind, wie z.

B: Toleranz, Traditionalismus, ... Die ausgeprägteste Geschwisterähnlichkeit findet sich mit 0,6 im Hinblick auf Religiosität.   Erschreckend ist, dass sich bei der Jugendkriminalität eine Geschwisterübereinstimmung von bis zu 70% findet. Eine Erklärung für diese hohe Übereinstimmung liegt möglicherweise darin, dass Geschwister häufig gemeinsam Verbrechen begehen.

     Genetische Unterschiede     Ein Grund für die Unterschiede zwischen Geschwistern liegt in den Erbanlagen.   Auf Grund von Mendels Theorie wird verständlich, dass aus der Vererbung von Merkmalen nicht nur Ähnlichkeiten, sondern auch Unterschiede zwischen Geschwistern resultieren und wir bei erblichen Merkmalen mit Geschwisterunterschieden rechnen müssen. Weil die Eltern jeweils 2 Erbelemente aufweisen und die Nachkommen ein Element von jedem Elternteil erben, stehen die Chancen, dass Geschwister dasselbe Element erben, 50 zu 50. Mendels Experimente zeigten also, dass Gleiches nicht Gleiches zeugt. Das bedeutet, dass Geschwister durch Vererbung sowohl einander ähnlich als auch unterschiedlich werden.     Anlage und Umwelt: Die Abwägung der relativen Bedeutsamkeit von Anlage (d.

h Erbfaktoren) und Umwelt (z.B: Erziehung) ist eines der ältesten Themen der Verhaltenswissenschaften.   In den zwanziger Jahren wurden 2 Verfahren entwickelt, um den Einfluss von Anlage und Umwelt getrennt erfassen zu können: Adoptions- und Zwillingsstudien. Die Adoption trennt Anlage und Umwelt, weil sie zu Verwandtschaftsverhältnissen führt, in denen entweder gemeinsame Erbanlagen bei unterschiedlichen Familienumgebungen (=getrennte Adoption genetischer Verwandter) oder gemeinsame Familienumgebungen bei unterschiedlichen Erbanlagen (gemeinsame Adoption von genetisch nicht Verwandten) vorliegt. Falls die Erbanlagen so bedeutsam sind, sollten sich genetisch Verwandte ähnlich entwickeln, auch wenn sie getrennt aufwachsen. Falls die familiäre Umgebung für die Ähnlichkeit von Verwandten verantwortlich sein sollte, dann sollten genetisch nicht Verwandte Individuen durch gemeinsame Adoption einander ähnlich werden.

In Zwillingsstudien werden Stichproben von eineiigen und zweieiigen Zwillingen miteinander verglichen. Die vorgeburtliche Entwicklung von Zwillingen erfolgt zusammen im selben Mutterleib, sie sind gleich alt, und sie wachsen in der gleichen Familie auf. Normale Geschwister unterscheiden sich bei Augen-, Haar- und Gesichtsfarbe deutlich. Eineiige Zwillinge unterscheiden sich dagegen bei diesen Merkmalen überhaupt nicht, woraus man schließen kann, dass Geschwisterdifferenzen bei diesen Merkmalen vollständig genetischen Ursprungs sind.   Es zeigt sich, dass zahlreiche Aspekte auch des Verhaltens wesentlich durch Vererbung beeinflusst werden. Etwa 1 Drittel der Unterschiede zwischen Geschwistern sind auf genetische Faktoren zurückzuführen.

Obwohl also menschliches Verhalten wesentlich durch Erbfaktoren beeinflusst wird, sind nicht-genetische Einflüsse zumindest genauso bedeutsam. Etwa 2 Drittel der Unterschiede zwischen Geschwistern müssen jedoch durch nicht-genetische Einflüsse erklärt werden, nämlich durch die Umwelt, wobei der Begriff „Umwelt“ alle nicht-erblichen Einflüsse auf die individuelle Entwicklung bezeichnet.     Unterschiedliche Umwelteinflüsse     Die besten Belege dafür, dass genetische Faktoren wesentlich and der Entstehung von Geschwisterunterschieden im Verhalten beteiligt sind, stammen, wie bereits erwähnt, aus Adoptions- und Zwillingsstudien.   Nahezu alle Umgebungseinflüsse führen dazu, dass in derselben Familie aufwachsende Geschwister verschieden und nicht einander ähnlich werden. Die für die individuelle Entwicklung wichtigen Umgebungsfaktoren sind diejenigen, die zwei Kinder innerhalb derselben Familie als unterschiedlich erleben. Mit anderen Worten: Entweder führt der Einfluss der Familie dazu, dass Geschwister sich unterscheiden, oder die Familie hat gar keinen Einfluss auf ihre Entwicklung.

  Obwohl sie die selben Eltern haben, normalerweise die selben Mahlzeiten zu sich nehmen und häufig auf dieselbe Schule gehen, stellt sich bei näherem Hinsehen heraus, dass Geschwister innerhalb der Familie durchaus unterschiedliche Erfahrungen machen. Sie werden von ihren Eltern und von ihren Geschwistern unterschiedlich behandelt, und selbst wenn dieser Umgang in der Familie sehr ähnlich erscheint, so kann er doch ganz unterschiedlich erlebt werden.   Das ist eine revolutionäre Überlegung, weil es vielen althergebrachten Annahmen über den Einfluss der Umwelt auf die Entwicklung widerspricht. Seit Freuds Theorien über den Einfluss der Familie auf die Persönlichkeit und die soziale Anpassung haben Psychologen im allgemeinen angenommen, dass sich die relevanten Faktoren von Familie zu Familie, d.h. zwischen einzelnen Familien und nicht innerhalb von Familien unterscheiden.

Es wird angenommen, dass die Kindheitserfahrungen einer Mutter ihre eigene Mutterschaft beeinflussen – und zwar gegenüber allen ihren Kindern. Und wenn ein Mann eine gespannte Beziehung zu seinem Vater hatte, dann, so die Annahme, wird sich auch das auf seine eigene Vaterschaft und auch in diesem Fall gegenüber allen seinen Kindern auswirken  Familiäre Erfahrungen führen aber nicht zu großen Ähnlichkeiten zwischen Geschwistern. Die einzigen für die Entwicklung wichtigen Faktoren sind diejenigen, die von den Kindern innerhalb der Familie unterschiedlich erlebt werden.       Die Bedeutung nicht-gemeinsamer Umwelten für die menschliche Entwicklung: Das Aufwachsen in derselben Familie führt keineswegs zu Ähnlichkeiten zwischen Geschwistern, denn sie ähneln sich aus genetischen Gründen und nicht aus Umweltgründen.   Das heißt, Geschwister ähneln sich durchaus, aber sie ähneln sich genauso, wenn sie getrennt adoptiert werden und in verschiedenen Familien aufwachsen. Ihre Ähnlichkeit ist nicht durch das Aufwachsen in ein und der selben Familie bedingt.

Es ist die DNS, die für die familiäre Ähnlichkeit sorgt, nicht die gemeinsame Erfahrung in der Familie.   Ein direkter Test des Ausmaßes, in dem gemeinsame familiäre Erfahrung zu Ähnlichkeiten zwischen Kindern in der selben Familie führt, ergibt sich aus der Untersuchung von Adoptivgeschwistern, das heißt genetisch nicht verwandten Kindern, die zu einem frühen Zeitpunkt ihres Lebens von derselben Familie adoptiert wurden. Weil diese Geschwister genetisch nicht verwandt sind, kann ihre Ähnlichkeit nur auf die gemeinsame familiäre Umgebung zurückgehen. Die Korrelation zwischen Adoptivgeschwistern hinsichtlich eines bestimmten Entwicklungsmerkmals zeigt den Gesamteinfluss aller Umweltfaktoren, die in derselben Familie aufwachsende Individuen hinsichtlich dieses Merkmals einander ähnlich machen. Wenn Adoptivbrüder einander ähnlich sind, so kann das nicht auf genetische Ähnlichkeit zurückgehen. Wenn sie verschieden sind, so weist das entweder auf die Bedeutung genetischer Faktoren hin oder darauf, dass die gemeinsame Welt ihrer Familie sie in unterschiedlicher Weise beeinflusst.

Bei der Auftretungshäufigkeit von weitverbreiteten Krankheiten unterscheiden sich Geschwister sehr stark, aber die Effekte der gemeinsamen familiären Umwelt sind so gering , dass sie vernachlässigt werden können. Auch genetische Faktoren beeinflussen die meisten Krankheiten nicht wirklich. D.h: Da weder Vererbung noch gemeinsame Umwelteinflüsse die Anfälligkeit von Geschwistern für die meisten Krankheiten beeinflussen, ist die Antwort auf die Frage, warum ein Geschwister erkrankt und das andere nicht, in denjenigen Umwelteinflüsse zu suchen, die von den Geschwistern nicht gemeinsam erfahren werden. Weil bestimmte Krankheiten (Krebs, Magengeschwüre, Asthma,..

.) erst im Erwachsenenalter auftreten, nachdem die Geschwister ihre Herkunftsfamilie verlassen und möglicherweise ganz unterschiedliche Leben geführt haben, ist es einleuchtend, dass Geschwisterunterschiede z.B: beim Rauchen, bei den Ernährungsgewohnheiten und beim Lebensstil für die Geschwisterunterschiede bei der Auftretenshäufigkeit dieser Krankheiten verantwortlich sind. Sollten diese Krankheiten auch durch die Kindheit geprägt sein, dann müssen wir diese Ursprünge in den unterschiedlichen Erfahrungen in der Familie und nicht in den gemeinsamen suchen.   Für psychologische Merkmale und Persönlichkeitsmerkmale gilt im großen und ganzen dasselbe. Nur bei einigen persönlichen Einstellungen wie bei religiösen und politischen Überzeugungen zeigen sich Auswirkungen einer gemeinsamen Umgebung.

  Es scheint naheliegend, dass sich bei zusammen aufwachsenden Kindern mit denselben Bildungsmöglichkeiten aufgrund der gemeinsamen Erfahrungen eine gewisse Ähnlichkeit bei der Intelligenz zeigen müsste. Bis vor kurzem glaubte man auch noch, dass gemeinsame Erfahrungen zu einer Geschwisterähnlichkeit beim IQ führen. Neuere Untersuchungen zeigen aber, dass gemeinsame Erfahrungen den IQ langfristig nicht beeinflussen. Früher wurden diese Tests vosallem bei Kindern durchgeführt, die von vornherein (auch Fremde) einen sehr ähnlichen IQ haben. Bei bestimmten Aspekten kognitiver Fähigkeiten wie den verbalen Fähigkeiten oder dem Gedächtnis zeigt sich schließlich, dass die gemeinsame Umwelt einen gewissen Langzeiteffekt auf die verbalen Fähigkeiten - insbesondere auf den Wortschatz – und auf den Schulerfolg haben dürfte. Sogar hier jedoch überwiegt der Einfluss nicht-gemeinsamer gegenüber gemeinsam erlebten Umwelteinflüssen.

    Worin genau bestehen diese nicht-gemeinsamen Umwelteinflüsse?   Die Entdeckung der Bedeutsamkeit nicht-gemeinsamer Umwelterfahrungen ist von weitreichender Bedeutung für das Verständnis der Art und Weise, wie Umweltfaktoren zur Entwicklung beitragen.   Man ging immer davon aus, dass bestimmte Einflussfaktoren, in denen sich Familien voneinander unterscheiden (Bildungsgrad der Eltern, Qualität der elterlichen Beziehung, ...), im Hinblick auf die kindliche Entwicklung von hoher Bedeutung sind. Aus der neuen Betrachtungsweise folgt jedoch, dass diese Faktoren, insoweit sie Geschwister gleich beeinflussen, keinen Einfluss auf die Entwicklung des Verhaltens haben können.

Diese Faktoren mögen wichtig sein, doch nur insoweit, als ihr Einfluss von den Kindern innerhalb der Familie nicht in gleicher Weise erfahren wird. Diese Idee ist derart revolutionär, dass sie nur schwer zu erfassen ist. Erfahrungen, die von den Geschwistern gemeinsam gemacht werden, können nicht bedeutsam sein, weil sie, wenn sie bedeutsam wären, die Geschwister einander ähnlich machen würden.   Beispiel: Wenn etwa die gemeinsame Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht für den IQ wichtig wäre, dann würde sie Geschwister innerhalb einer Familie und auch Adoptivgeschwister einander ähnlich machen. Solche gemeinsamen Umwelteinflüsse sind aber langfristig nicht bedeutsam, weil sich ältere Geschwister im IQ keineswegs ähnlich sind, abgesehen von der minimalen vererbten Ähnlichkeit.   Man muss mehr als ein Kind pro Familie untersuchen, um zu verstehen, warum Kinder in derselben Familie so verschieden sind.

Nur auf diesem Weg können wir die verschiedenen leben innerhalb der Familie erforschen und die nicht-gemeinsamen Erfahrungen identifizieren, die die kindliche Entwicklung entscheidend beeinflussen. Nur wenn wir untersuchen, wie und warum Geschwister jeweils unterschiedlich betroffen sind, werden wir verstehen, auf welche Weise scheinbar gemeinsame Faktoren wie der soziale Status die Entwicklung beeinflussen.     Dabei treten aber 3 Probleme auf: es ist zu klären, auf welche Art sich die Erfahrungen und Erlebnisse von Geschwistern unterscheiden (nur unterschiedliche Erfahrungen – und nicht die gemeinsamen – können ihre Entwicklung unterschiedlich beeinflussen) man muss herausfinden, in welchem Maße solche unterschiedlichen Erfahrungen die Entwicklung der Geschwister beeinflussen. Es kann durchaus Unterschiede in den Erfahrungen der Geschwister geben, die keinen Einfluss auf ihre Entwicklung haben. Wir müssen die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Erfahrungen und deren Folgen für die Entwicklung erforschen. Trennung von Ursache und Wirkung Man kann nicht einfach sagen, dass unterschiedliche Erfahrungen unterschiedliches Verhalten hervorruft, denn es könnte genauso gut sein, dass unterschiedliches Verhalten zu unterschiedlichen Erfahrungen führt.

Beisp: Unterschiedliche mütterliche Zuwendung beeinflusst Selbstwertgefühl Unterschiedliche mütterliche Zuwendung kann zu Veränderungen des Selbstwertgefühls der Kinder führen Selbstwertgefühl der Kinder kann zu unterschiedlicher mütterlicher Zuwendung führen        Der Einfluss der Eltern    Die Sichtweise der Geschwister: In den fünfziger Jahren führte Helen Koch eine der ersten größere Geschwisteruntersuchungen durch. Sie interviewte eine große Anzahl von 5 und 6Jährigen und fragte dabei auch nach dem Verhalten der Eltern gegenüber ihnen und den Geschwistern. Die Antworten insbesondere der Erstgeborenen zeigten deutlich, wie sehr ihnen das Thema einer unterschiedlichen Behandlung bewusst war. Zwei Drittel gaben an, das ihre Mutter entweder sie oder ihre Geschwister bevorzugte, und lediglich ein Drittel beschrieb eine gerechtere Behandlung. Insbesondere die Erstgeborenen hatten nicht das Gefühl, dass ihre Mütter für sie Partei ergriffen, und äußerten sich sehr klar über die Ungerechtigkeiten, die sie im Verhalten der Eltern ihnen gegenüber wahrnehmen. In Familien, in denen beide Geschwister befragt wurden, fällt auf, dass sich die Kinder über die Einstellung der Eltern nicht einig sind.

Besondere Uneinigkeit zeigte sich hinsichtlich der Position des Vaters. Bei sehr jungen Geschwistern ist offene Eifersucht auf die Beziehung des Geschwisters zum Vater oft ausgeprägter als auf die Beziehung zur Mutter. Möglicherweise hängt diese intensivere emotionale Reaktion der Kinder auf die Beziehung des Geschwisters zum Vater mit den sehr unterschiedlichen Beurteilungen von dessen einseitigem Verhalten zusammen. Wenn Kinder auf Zeichen der Zuneigung, die ihr Geschwister vom Vater erhält, besonders empfindlich reagieren, dann könnten diese Zeichen besonderes Gewicht erhalten; dem eifersüchtigen Kind könnten sie besonders bedeutsam erscheinen, und für das Kind, das sich der Zuneigung des Vaters sicher ist, sind sie vielleicht nicht so wichtig.   Aus Interviews mit älteren Kindern bzw. Jugendlichen ergibt sich ein ähnliches Bild.

Klare Unterschiede in der Wahrnehmung der Beziehung der Eltern zu den Geschwistern zeigten sich in einer großen repräsentativen Studie mit amerikanischen Familien. Es wurden Familien mit Kindern zwischen 11 und 17 Jahren interviewt, wobei die Geschwister und Eltern individuell Fragen nach der Rolle der Eltern, den Erwartungen hinsichtlich der Hausarbeit, der Enge der Beziehung von Mutter und Vater und nach dem Ausmaß, in dem die Kinder an Familienentscheidungen beteiligt wurden, beantworteten. Die Geschwisterpaare schilderten erhebliche Unterschiede, insbesondere hinsichtlich der Enge der Beziehung zur Mutter und dem Ausmaß der Beteiligung an Entscheidungen. In weiteren Untersuchungen mit Jugendlichen wurden Geschwister direkt danach gefragt, in welchem Maße ihre Eltern sie gleich oder unterschiedlich behandelten. Hierfür wurde ein Fragebogen namens Sibling Inventory of Differential Experience (SIDE; Geschwister-Fragebogen zur Erfassung unterschiedlicher Erfahrungen) verwendet. In diesem Fragebogen werden die Befragten gebeten, ihre eigene Behandlung durch Mutter und Vater zu vergleichen.

Nahezu die Hälfte der Geschwister berichtete über Unterschiede.   Da eineiige Zwillinge bei elterlicher Zuwendung und bei elterlicher Kontrolle über geringere Unterschiede berichten, als zweieiige Zwillinge kann es möglich sein, dass genetische Faktoren teilweise auch die unterschiedliche Behandlung der Eltern beeinflussen. Vielleicht kann man aber auch die elterliche Behandlung eineiiger Zwillinge mit der anderer Geschwister vergleichen (weil sie ja zum Beispiel gleich alt sind usw.). Aber Adoptivgeschwister werden von ihren Eltern nicht unterschiedlicher behandelt als biologische Geschwister.     Wie verhalten sich Geschwister? Kinder reagieren schon sehr früh unmittelbar und direkt auf den Umgang der Eltern mit ihren Geschwistern.

Die Beziehung zwischen Geschwistern und Eltern hat für kleine Kinder eine sehr große Bedeutung. Beobachtungen aus den ersten Monaten nach der Geburt des Geschwisters zeigten, dass in vielen Familien der Umgang der Mutter mit dem Baby deutliche Auswirkungen auf das Verhalten des ersten Kindes hat. Die häufigste Reaktion war Protest oder ein Verlangen nach der gleichen Behandlung wie das Baby. Erstgeborene reagieren häufig darauf in dem sie das verhalten des Babys, das die Aufmerksamkeit der Mutter hervorgerufen hat, nachmachen. Mehrere Kinder imitieren auch das „unartige“ Verhalten der jüngeren Geschwister, wenn diese die Aufmerksamkeit der Mutter hervorgerufen hat (Blumentopf-Beispiel). Die Reaktionsweisen der älteren Geschwister sind unterschiedlich.

Manchmal versuchen sie an dem Spiel von Mutter und baby teilzunehmen, und manchmal versuchen sie, es zu unterbrechen oder Aufmerksamkeit auf sich zu lenken – oft mit unglücklichem Ausgang, da sie häufig genau die Dinge taten, die ihre Mütter am meisten ärgerten. Manchmal, wie aus Studien hervorgeht, sind sie so unglücklich, dass sie regelrecht zusammenbrechen. Es ist nur allzu deutlich, welche enorme Bedeutung es für sie hatte, dass ihre Mutter und das kleine Geschwister glücklich miteinander spielten. Die Reaktion des Erstgeborenen hängt außerdem stark von dessen Temperament ab.   Bereits 14 Monate alte Kinder sind aufmerksame Beobachter der Beziehungen ihrer Mütter zu älteren Geschwistern. Aufmerksam sind sie besonders dann, wenn Gefühle ausgedrückt werden; von besonderem Interesse sind lebhafte Spiele oder Auseinandersetzungen zwischen der Mutter und dem älteren Geschwister.

Besonders interessant sind die Reaktionen der Kinder auf Auseinandersetzungen: Manchmal versuchen sie eine der beiden Parteien zu unterstützen. Ihre Reaktionen zeigen, dass sie durchaus einiges von dem verstehen, worum es geht, und dass sie bereits sehr früh das Verhalten ihrer älteren Geschwister beurteilen.   Bei einer Untersuchung der Gesprächsfertigkeiten von Kindern, stellte sich heraus, dass sich ein großer Teil der Gespräche in einer Familie nicht an die jüngeren Kinder richtet; es stellt einen wichtigen – wenn auch selten untersuchten Entwicklungsfortschritt dar, wenn Kinder in der Lage sind, sich an diese Familiengesprächen zu beteiligen. Kinder verfolgen die Gespräche zwischen ihrer Mutter und ihren älteren Geschwistern genau und sie unterbrechen diese Gespräche mit zunehmender Effektivität und Geschicklichkeit, um die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken. Zu Beginn des dritten Lebensjahres sind die Gesprächsbeiträge normalerweise direkt auf das Kind selbst bezogen, selbst dann, wenn sie auf das Thema des Gesprächs Bezug nehmen, welches sie unterbrechen. Im Alter von 36 Monaten gelingt es den Kindern in vielen Fällen, Gespräche zwischen Mutter und Geschwister auf das Thema zu lenken, das sie am meisten interessiert: sich selbst.

  Beobachtungen zeigen, dass Kinder bereits sehr früh schnell und nachdrücklich auf den Umgang zwischen Eltern und Geschwistern reagieren. Kinder nehmen Unterschiede in der Art wie sie behandelt werden wahr, und diese Unterschiede machen ihnen häufig sehr viel aus.   Was sagen die Eltern? Mütter junger Geschwister wurden direkt nach der Qualität ihrer Beziehungen zu ihren verschiedenen Kindern und nach dem Ausmaß befragt, in dem sie die Geschwister unterschiedlich behandelten. Nur 1 Drittel gab an für beide Kinder die gleiche Zuneigung zu empfinden und nur 1 Drittel gab an, beiden Kindern die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken. In den meisten der befragten Familien erhalten die jüngeren Kinder mehr Zuneigung und Aufmerksamkeit. Nur 12% der Mütter fällt es in gleichem Maß leicht bzw.

schwer, bei ihren Kindern Disziplin zu wahren. Mehr als 50% gaben an, gegenüber ihrem jüngeren Kind mehr Zuneigung zu empfinden und nur ca. 10% gaben an ihr älteres Kind mehr zu mögen.   Es geht also deutlich hervor, dass sowohl die kInder als auch ihre eltern deutliche Unterschiede in ihrem Verhalten gegenüber den zusammen aufwachsenden Geschwistern wahrnehmen. Die Berichte von Eltern über unterschiedliches Verhalten gegenüber ihren Kindern sind besonders bedeutsam, weil sie der sozial erwünschten Antwort zuwiderlaufen, dass Geschwister gleich behandelt werden müssen.     In welchem Ausmaß verhalten sich Eltern ihren Kindern gegenüber unterschiedlich? Mütter, die zu Hause mit einem Kleinkind oder einem Kind in einem Vorschulalter und mit einem relativ fortgeschrittenen Fünf-, Sechs- oder Siebenjährigen umgehen, verhalten sich gegenüber diesen beiden Kinder relativ unterschiedlich.

  Am ausgeprägtesten sind Unterschiede in der Aufmerksamkeitszuwendung, gefolgt von Unterschieden im Ausmaß der Kontrolle und der Zuwendung. Eine unterschiedliche Behandlung ist nicht überraschend, wenn man den unterschiedlichen Entwicklungsgrad 2er Kinder betrachtet; so wie es in diesem Statement ausgedrückt wird: „Können Sie sich vorstellen, mit einem einjährigen Kind so zusprechen wie mit einem zweijährigen, selbst wenn Sie der unsensibelste Mensch der Welt wären?“ Man muss also die Beziehung und das Verhalten der Eltern zu ihren Kindern in einem bestimmten und vergleichbaren Alter betrachten (man kann nicht das Verhältnis zu einem Säugling mit dem zu einem Schüler vergleichen). Überraschenderweise verhalten sich Eltern zum gleichen Zeitpunkt durchaus ähnlich gegenüber ihren Kinder, obwohl sich ihr Verhalten gegenüber einem Kind im Laufe der Zeit verändert. D.h: bei einer Mutter, die ihrem einjährigen Kind besonders viel Zuneigung schenkte, zeigte sich ein Jahr später keine besonders ausgeprägte Zuneigung (im Vergleich zu anderen Müttern). Diese ausgeprägte Zuneigung zeigt sich erneut, als ihr nächstes Kind 1 Jahr alt ist.

Der jeweilige Entwicklungsstand der Kinder hat also überraschend starke Auswirkungen auf das Verhalten der Mütter.   Wesentlich für unser Interesse an unterschiedlichem Verhalten ist folgende Implikation dieser Ergebnisse: zu jedem beliebigen Zeitpunkt sind die Geschwister innerhalb einer Familie unterschiedlich alt und befinden sich in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung. Eine Mutter verhält sich – selbst gegenüber demselben Kind – in den verschiedenen Entwicklungsstadien sehr unterschiedlich. Nehmen wir an, eine Mutter verhält sich wenn das Kind 1 Jahr ist besonders liebevoll, wenn es 3 Jahre ist weniger liebevoll: ein 3 jähriges Kind, das relativ wenig Zuwendung erhält, wird täglich Zeuge der besonders intensiven Zuwendung, die der Einjährige bekommt. Die Beobachtung der offensichtlichen Zuneigung der Mutter für das Geschwister kann alle Zuneigung bedeutungslos werden lassen, die man selbst erfahren hat. Diese Annahme steht in direktem Widerspruch zu den gegenwärtigen psychologischen Theorien, ist es aber wert, darüber nachzudenken.

  Die gängige Annahme ist, dass der direkte Einfluss des Umgangs der Eltern mit dem Kind die Entwicklung dieses Kindes beeinflusst. Nun wird aber dagegen argumentiert, dass Kinder nicht nur feinfühlig auf den Umgang der Eltern mit ihnen selbst reagieren, sondern auch auf den Umgang der Eltern mit den Geschwistern, und dass Kinder diese Beziehungen genauso beobachten und auf sie reagieren wie auf die Beziehung zwischen den Eltern. Damit verschiebt sich die Sichtweise von der Betrachtung des Kindes als Kind-der-Eltern zu der des Kindes-als-Familienmitglied.     Zusammenhänge mit dem Entwicklungsergebnis: Laut Studien ergab sich ein Zusammenhang zwischen der unterschiedlichen Behandlung durch die Eltern und Geschwisterunterschieden hinsichtlich sozialer Anpassung. Es wurden Hinweise gefunden, dass das Kind, welches der Mutter am nächsten stand, das am meisten an Familienentscheidungen beteiligt wurde und an das die höchsten Erwartungen hinsichtlich der Beteiligung an der Hausarbeit gestellt wurden, psychologisch besser angepasst war. Kinder, die stärkere mütterliche Kontrolle oder weniger Zuwendung als ihre Geschwister erfuhren, sind mit höherer Wahrscheinlichkeit ängstlich oder depressiv.

Unterschiedliches mütterliches Verhalten hängt auch mit antisozialem Verhalten der Kinder zusammen (Ungehorsam, lästiges, streitlustiges und hyperaktives Verhalten); in Familien, in denen die Mutter das ältere Geschwister sehr viel mehr als das Jüngere kontrolliert, zeigt das ältere Kind häufig einen relativ hohen Grad problematischen Verhaltens. Es ist natürlich auch möglich, dass die Mütter in diesen Familien die älteren Geschwister zu kontrollieren versuchen, weil diese so schwierig sind.   Unterschiedliche Behandlung durch die Eltern als Reaktion auf Unterschiede zwischen den Geschwistern: Die Frage, inwieweit Unterschiede im Verhalten der Eltern als Reaktion auf Unterschiede in den Persönlichkeiten der Kinder und in deren Verhalten gegenüber anderen zu verstehen sind, ist von großer Bedeutung. Es zeigt sich immer wieder, dass die Unterschiede im elterlichen Verhalten einen unabhängigen, zusätzlichen Beitrag zu den Unterschieden in der erfolgreichen Anpassung der Kinder leisten. Es wird auch oft angenommen, dass frühkindliche Erfahrungen – insbesondere in der Beziehung zur Mutter – in Hinsicht auf das Selbstwertgefühl besonders bedeutsam sind. Keine Ähnlichkeiten zeigen sich im Selbstwertgefühl und im Gefühl eigener Kompetenz – ein weiteres Beispiel also für Geschwisterunterschiede.

  Kinder, deren Mütter den Geschwistern gegenüber mehr Zuneigung gezeigt hatten, zeigten ein weniger ausgeprägtes Gefühl eigener Kompetenz und ein schlechteres Selbstwertgefühl als Kinder, deren Mütter ihnen mehr Zuneigung entgegengebracht hatten. Die Bedeutung unterschiedlichen elterlichen Verhaltens ist klar ersichtlich!     Ein Wort zur Geburtenreihenfolge: Es wird oft davon ausgegangen, dass Eltern ihr erstgeborenes Kind regelmäßig anders behandeln als ihre später geborenen Kinder. Dem liegt die verbreitete Annahme zu Grunde, dass Eltern bei ihrem ersten Kind ängstlicher sind und weniger Erfahrung haben, und zwar insbesondere im Säuglingsstadium. In Wirklichkeit weist jedoch nur wenig auf solche Auswirkungen der Geburtenreihenfolge hin. In mehreren Studien zeigten sich zum jeweils gleichen Alterszeitpunkt keine systematischen Unterschiede im Verhalten der Eltern gegenüber ihren erst- und zweitgeborenen Kindern. Obwohl diese Aussage vielen beliebten und weit verbreiteten Annahmen widerspricht, gelangen Experten auf er Basis einer Vielzahl von Studien doch zu dem Schluss, dass die Geburtenreihenfolge für die Entstehung von Geschwisterunterschieden nur eine Nebenrolle spielt.

Die so oft erwähnten herausragenden Leistungen und Erstgeborenen verschwinden, wenn Erklärungsfaktoren wie Bildung und soziale Lage der Familien und deren Verknüpfung mit der Familiengröße berücksichtigt werden.    Der Einfluss der Geschwister  Es wird immer wieder deutlich, dass es merkliche Unterschiede in der Zuneigung, Bewunderung, und dem Interesse, der Eifersucht, dem Ärger, der Feindschaft und der Sorge füreinander geben kann, die Geschwister füreinander empfinden. Das Aufwachsen mit einem Geschwister bedeutet für Geschwister oft etwas völlig Anderes.     Unterschiede in Dominanz und Kontrolle: Die offensichtlichen Diskrepanzen zwischen Kindern treten hinsichtlich der Führungsrolle, der Dominanz, der Kontrolle und des Lehrer-Schüler-Verhältnisses auf. Es ist wahrscheinlich, dass Erfahrungen mit den Geschwistern (zum Beispiel beim Spielen) sowohl für das führende und lehrende als auch für das folgende und lernende Geschwister bedeutsam sind. Nicht nur die Erfahrung des Belehrtwerdens kann Konsequenzen für die Entwicklung haben; auch die Erklärens und Organisierens und der Begegnung mit dem Erstaunen und der Verwirrung eines Geistes, der weniger reif ist als der eigene, kann intellektuell prägend wirken.

Diskussionen zwischen Geschwistern können – selbst wen sie für beide erfreulich sind - jeweils ganz unterschiedliche Folgen haben. Beide Kinder machen also in einer solchen Beziehung innerhalb der Familie unterschiedliche Erfahrungen und diese Erfahrungen können zur unterschiedlichen Entwicklung der Kinder beitragen.   Das Aufwachsen mit einem Geschwister, das anders ist, als man selbst: Die ständige Anwesenheit eines anderen Kindes, das anders ist als man selbst, das man nur allzu gut kennt und mit dem man um elterliche Zuneigung und Aufmerksamkeit wetteifert, kann für die Entwicklung des Selbstwertgefühls, die emotionale Sicherheit, und das Verständnis anderer von entscheidender Bedeutung sein. Das Aufwachsen mit einem Geschwister bedeutet mit einem ganz anderen Menschen groß zu werden. Dabei sind zwei Aspekte zu unterscheiden: Zum einen geht es um das Erleben der Persönlichkeit, der Erfolge und der Beziehungen des anderen – um die Auswirkungen des Vergleichs zwischen einem selbst und dem Geschwister auf das eigene Selbstwertgefühl, auch wenn diese Vergleichsprozesse innerlich, ganz im stillen ablaufen mögen. Zum zweiten ist da der Einfluss der Meinungen und Bewertungen durch den anderen – der soziale Vergleich, der für die Entwicklung des Selbstwertgefühls und der Bewertung der eigenen Person eine wesentliche Rolle spielt.

  Die Persönlichkeitsunterschiede zwischen Geschwistern bedeuten, dass die Auswirkungen beider Prozesse – des im stillen ablaufenden Vergleichs mit dem Geschwister und des Wissens, was der andere über einen selbst denkt – für die beiden Kinder in einer Familie unterschiedlich sein werden. Unterschiede in den Erfahrungen zweier Kinde sind oft sehr ausgeprägt. Geschwister sind häufig auffallend empfindlich für die Unterschiede zwischen beiden und für die Sichtweise des jeweils anderen.   Unterschiede in der Wahrnehmung der Beziehung zu den Geschwistern bei den Kindern selbst: Aus Fragebogenstudien (SIDE) geht hervor, dass viele Kinder Unterschiede sehen zwischen sich selbst und ihren Geschwistern, und zwar in allen Aspekten ihres Umgangs miteinander. Das Ausmaß der von den Geschwistern beschriebenen Unterschiede ist bemerkenswert,; es ist sehr viel größer als die Unterschiede, die sie in der Behandlung durch die Eltern wahrnehmen. Bei Studien kam man zum Ergebnis, dass Vererbung beim unterschiedlichen Umgang der Geschwister miteinander eine gewisse Rolle spielen könnte.

  Unterschiede innerhalb der Geschwisterbeziehung: die Sichtweise der Eltern: Aus den Antworten von Eltern auf detaillierte Fragen wurde zwei allgemeine Dimensionen der Beziehung der Kinder zu ihrem Geschwister abgeleitet: Eine Dimension positiver Zuneigung Eine negative, feindselige Dimension   Laut Auskunft der Eltern erfahren 60% der Kinder ein anderes Maß an Freundlichkeit und Unterstützung durch das Geschwister, als sie selbst gegenüber diesem zeigen, und 40% erleben einen unterschiedlichen Grad an Feindseligkeit.                           Zusammenhänge zwischen den Persönlichkeitsunterschieden von Geschwistern und Unterschieden in ihren Erfahrungen in der Bezugsgruppe wurden tatsächlich gefunden. Besonders interessant ist jedoch, dass diese unterschiedlichen Erfahrungen nicht einfach mit unterschieden zwischen den Geschwistern verknüpft sind (so das z.B. das geselligere Geschwister Freunde bevorzugt, die auch allgemein beliebt sind, während das aggressivere Geschwister Freunde hat, die z.B.

gegenüber der Schule eher eine rebellische Haltung einnehmen). Da sich der Zusammenhang zwischen Geschwisterunterschieden in den Beziehungen zu Gleichaltrigen einerseits und der Persönlichkeit bzw. dem Grad der erfolgreichen Anpassung andererseits auch bei eineiigen Zwillingen zeigt, kann er nicht vollständig genetisch erklärt werden. Wir nehmen an, dass beide kausalen Wirkrichtungen bedeutsam sind. Gesellige und umgängliche Kinder werden wahrscheinlich in ihrer Bezugsgruppe beliebter sein als ihre eher schüchternen, ängstlicheren Geschwister, doch wir wissen auch, dass gute Erfahrungen in der Bezugsgruppe ihrerseits einen positiven Effekt auf das soziale Selbstvertrauen von Kindern im Umgang mit anderen Kindern und auf ihr Selbstwertgefühl haben. Es scheint jedoch von vornherein sehr wahrscheinlich, dass unterschiedliche Erfahrungen innerhalb von Freundschaften genauso wichtig – wenn nicht wichtiger – sind als Unterschiede zwischen den Bezugsgruppen, zu denen die Geschwister Kontakte haben.

Zusammenfassend zeigen uns die ersten Informationen über die außerfamiliären Erfahrungen von Kindern, dass sich bereits während der Kindheit die außerfamiliären sozialen Erfahrungen der Kinder voneinander unterscheiden, dass diese Unterschiede zum Teil systematisch mit ihrer Persönlichkeit und dem Grad ihrer erfolgreichen Anpassung zusammenhängen und dass sie weiterhin mit nicht-gemeinsamen Erfahrungen innerhalb der Familie verknüpft sind. Die Erfahrungen in der Bezugsgruppe stellen nur einen Ausschnitt aus der Vielfalt möglicher Einflüsse auf die kindliche Entwicklung dar, die ihre Wirkung außerhalb der Familie entfalten. Sowohl der gesunde Menschenverstand als auch wissenschaftliche Untersuchungen unterstreichen den Einfluss von Lehrern und anderen wichtigen Erwachsenen im Leben von Kindern und Jugendlichen, von sexuellen Beziehungen, Arbeitserfahrungen und Ehe und Elternschaft.   Der Einfluss von Umweltfaktoren auf die Entwicklung in der späteren Kindheit: Aufgrund zahlreicher Belege gilt es inzwischen als erwiesen, dass Erfahrungen in der mittleren Kindheit, im Jugendalter und im Erwachsenenalter für die individuelle Entwicklung von herausragender Bedeutung sein können. Zunehmend wird die Veränderbarkeit und Flexibilität von Entwicklungsprozessen erkannt, und unsere Annahmen über die Prozesse bewegen sich weg von der einfachen Vorstellung, dass frühkindliche Erfahrungen notwendigerweise einen größeren Einfluss ausüben als spätere Erfahrungen. Die überraschenden Ergebnisse aktueller entwicklungspsychologischer Forschungen dokumentieren, wie stark bestimmte Erfahrungen im späteren Verlauf der Entwicklung den Einfluss früherer Erfahrungen positiv verändern können.

  Übergänge im Lebenslauf: Für unser Thema ist die Hervorhebung von Übergängen (z.B.: von Schule in die Arbeitswelt) im Lebenslauf deshalb so relevant, weil Unterschiede zwischen Geschwistern in der Art und Weise, wie sie diese Übergänge bewältigen, und in deren Zeitpunkt und Auswirkungen für die Entwicklung des Lebens der Geschwister in ganz verschiedene Richtungen von besonderer Bedeutung sein können. Das Muster sich anhäufender Erfahrungen, das durch bestimmte Erfahrungen oder Übergänge ausgelöst wird, führt uns zu einem Thema, das in der Entwicklungspsychologie der Lebensspanne ebenfalls besonders betont wird: die Annahme, dass alle Menschen im Laufe ihres Lebens Erfahrungen ansammeln und diese Erfahrungen zunehmend für die Unterschiede zwischen uns verantwortlich sind. Diese Hypothese impliziert, dass im Lauf der Lebensspanne Umwelteinflüsse zunehmend an Bedeutung gewinnen und genetische Faktoren dementsprechend an Bedeutung verlieren. Wir können inzwischen eine zweite Implikation erkennen, nämlich dass nicht-gemeinsame Erfahrungen im späteren Leben immer wichtiger werden.

   Der Zufall     Zufällige Ereignisse sind besonders interessant, weil sie eine sehr wahrscheinliche Ursache für Unterschiede zwischen Geschwistern sind. Beispiele der Ereignisse, die nur eines der beiden Geschwister betreffen sind Krankheiten oder Unfälle oder besondere Erfahrungen außerhalb der Familie wie Schulprobleme oder Freundschaften.   Es gibt jedoch einige wichtige zufällige Ereignisse, die von Geschwistern gemeinsam erlebt werden. Solche Ereignisse können sich innerhalb der Familie ereignen, etwa wenn ein Elternteil früh stirbt oder psychisch erkrankt, oder sie können für eine ganze Gesellschaft gelten, wie im Falle von wirtschaftlicher Depression oder Krieg. Doch solche anscheinend gemeinsam erlebten zufälligen Ereignisse können von den Geschwistern ganz unterschiedlich erlebt werden, weil sie sich in den allermeisten Fällen in unterschiedlichen Entwicklungsphasen befinden und sich auch in ihrer Persönlichkeit unterscheiden.  Es stellte sich heraus, dass die Auswirkungen vieler Ereignisse, die von den Geschwistern auf den ersten Blick gemeinsam erlebt wurden (wie z.

B. eine schwere Erkrankung der Mutter oder Arbeitslosigkeit des Vaters), für die beiden Kinder oft ausgesprochen verschieden waren. Wir untersuchten die Auswirkungen einer Reihe potentiell stressverursachender Ereignisse oder Situationen wie z.B. Umzüge, Veränderungen in den Arbeits- und Vermögensverhältnissen der Eltern, der Nähe der Beziehung zu Verwandten und der Gesundheit der Familienmitglieder, außerdem Unfälle und schulische Probleme. Ein Kinderpsychiater beurteilte die Auswirkungen jedes dieser Ereignisse auf jedes der Geschwister.

Es stellte sich heraus, dass 69% der Ereignisse, die für Kinder negative Auswirkungen haben, bei Geschwistern unterschiedliche Wirkungen zeigen Zwei Geschwister erleben solche stressverursachenden Eregnisse unterschiedlich.

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